img_2498

Wie unser System Menschen zur Faulheit erzieht

Mit jedem Neuanfang gehen auch neue Perspektiven, Einblicke und Erfahrungen einher. Anfang des Jahres 2022 machte ich einen radikalen Schnitt in meinem Leben – von der Unternehmerin zur Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins seiSTARK e.V, der sich um sozial benachteiligte Frauen kümmert.

Viele schwere Schicksale sind mir in diesen ersten Monaten meiner neuen Tätigkeit begegnet. Frauen, die hilflos sind, sich in einer Sackgasse ihres Lebens befinden und einfach nicht mehr weiterwissen. Die vielen geflüchteten Frauen und Kinder aus der Ukraine, die ihre Heimat, ihre Männer und Väter zurücklassen mussten, um sich vor dem grausamen Krieg hier in Deutschland in Sicherheit zu bringen.

Seitdem ich in Deutschland lebe schimpfe ich auf unser Sozialsystem. Leider haben mir meine Erfahrungen im Rahmen meiner Vereinstätigkeit bestätigt: es läuft grundsätzlich etwas schief in unserem Land! Ich möchte es Ihnen anhand einiger realer Beispiele und Geschichten einmal veranschaulichen.

Tatyana (Name geändert) kam nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine mit ihren Kindern nach Deutschland. Trotz dieser schlimmen Situation war einer ihrer ersten Gedanken nach Ankunft und Unterbringung: wie und wo kann ich arbeiten gehen, um für mich und meine Kinder zu sorgen? Doch erst einmal ist sie mit den enormen bürokratischen Hürden beschäftigt, die sie in Deutschland als Geflüchtete zu bewältigen hat. Unmengen an auszufüllenden Anträgen, Termine bei den verschiedensten Behörden, lange Warteschlangen vor den Ämtern.

Irgendwann ist alles geregelt. Wochen und Monate sind vergangen, die Kinder sind in der Schule untergebracht. Endlich Zeit, um einen Job zu finden! Doch von Tatyanas ursprünglichem Arbeitswillen ist schon nach wenigen Monaten in Deutschland nicht mehr viel übriggeblieben. Anfangs wollte sie eigentlich putzen gehen. Doch das Geld vom Staat fließt, und von allen Seiten bekommt sie zu hören: Wozu willst du denn arbeiten? Dann kürzen sie dir nur deine Leistungen und du hast am Ende nichts davon. Da ist es doch viel angenehmer, die Freizeit zu genießen.

Ein weiteres Beispiel ist Michaela, eine junge Langzeitarbeitslose aus Köln. Auch sie bezieht Sozialleistungen und ist eigentlich arbeitswillig. Doch an einem regulären Beschäftigungsverhältnis hat sie wenig Interesse – sie sucht gezielt nach Schwarzarbeit. Denn wenn sie zusätzlich zum Hartz-IV-Satz ein bisschen schwarzarbeitet, kann sie sich mit relativ wenig Aufwand ein gutes Leben finanzieren. Ein regulärer Job lohnt sich da im Vergleich einfach nicht, wenn im Gegenzug die Leistungen gekürzt werden.

Vielleicht erwarten sie jetzt, dass ich auf diese Menschen schimpfe, sie als Schmarotzer bezeichne. Doch ich gebe diesen Menschen eigentlich nicht die Verantwortung für ihr Handeln. Denn unser System ist es, das sie zu Schmarotzern erzieht. Wir setzen als Gesellschaft völlig falsche Anreize, indem wir ein System geschaffen haben, in dem es sich für viele Menschen schlicht und ergreifend nicht lohnt, einen regulären Job anzunehmen. Zeitgleich bringen wir schon den Kindern von Leistungsempfängern bei, dass Arbeit sich nicht lohnt. Dass Jugendliche ihr hart erarbeitetes Geld ans Jobcenter abgeben müssen, weil ihre Mutter im Hartz-IV-Bezug ist, ist nichts anderes als ein Skandal. Von jedem Euro, den sie verdienen, werden ihnen in unserem System 80 Cent abgezogen. Es versteht sich von selbst, wie demotivierend das für junge Menschen ist. Und so ist es kein Wunder, wenn Kinder aus Hartz-IV-Familien ebenfalls zu Langzeitarbeitslosen werden.

Dabei haben wir in Deutschland einen Arbeitskräftemangel wie nie zuvor. 1,74 Millionen Stellen waren laut IAB im ersten Quartal 2022 unbesetzt. Ob in der Pflege, Gastronomie, im Hotel, oder sogar im Eventmanagement: überall wird händeringend nach Personal gesucht. Dieser Mangel wird sich in den kommenden Jahren aufgrund der alternden deutschen Bevölkerung weiter verschärfen. Und wir werden ihm nicht erfolgreich begegnen können, wenn wir weiterhin ein System aufrechterhalten, das derart demotivierend, widersprüchlich und teils auch willkürlich ist.

Auch wenn es viele für kaltherzig und unsozial halten: wir brauchen mehr Sanktionen, nicht weniger. Menschen, die zum Arbeiten in der Lage sind, haben die Pflicht, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen und sich produktiv in unsere Gesellschaft einzubringen. Wir als Gesellschaft sollten weiterhin solidarisch sein und dafür sorgen, dass niemand hungern muss. Aber für diese Solidarität sollten wir auch eine Gegenleistung dieser Menschen einfordern. Warum sollten Hartz IV-EmpfängerInnen für Ihre monatlichen Zahlungen nicht dort arbeiten, wo gerade Not am Mann ist, anstatt zuhause vorm Fernseher zu sitzen? Ich möchte nicht alle Arbeitslosen über einen Kamm scheren. Doch durch meine Arbeit im Rahmen meiner TV-Sendung „3 Familien – 3 Chancen“ sowie meiner aktuellen Tätigkeit habe ich enorm viel mit dieser Zielgruppe zu tun und weiß, wie die Realität allzu oft aussieht.

Zugleich gibt es wiederum Menschen, die alles dafür geben würden, endlich einen Job zu finden und selbst für sich und ihre Familien zu sorgen. Diese leistungswilligen Menschen im Hartz-IV-Bezug müssen wir viel mehr fördern, anstatt ihnen Steine in den Weg zu legen. Kurz gesagt: fördern und fordern – aber richtig!